Friedrich August von Hayek

Heute vor 15 Jahren starb Friedrich August von Hayek (1899 - 1992) einer der bedeutendsten Theoretiker des Liberalismus.
Im Februar 1981 sprach Wirtschaftswoche-Redakteur Stefan Baron mit dem Nobelpreisträger über die Probleme des Sozialstaats.
Das Interview ist heute noch so aktuell wie vor 26 Jahren.
■ Professor Hayek, immer mehr Bürger glauben, dass der Sozialstaat seine Grenzen erreicht hat. Sie haben schon 1944 in Ihrem Buch „Der Weg zur Knechtschaft" warnend die Stimme erhoben. Empfinden Sie jetzt so etwas wie späte Genugtuung?
Hayek: Ja, zweifellos. Die Menschen beginnen zu erkennen, dass nur etwas verteilt werden kann, was auch vorhanden ist, und dass, wenn man es so wenig verlockend macht, etwas zu produzieren wie heute, das Vorhandene immer langsamer wächst und schließlich sogar abnimmt.
■ Wie konnte eine derartige ökonomische Binsenweisheit so lange übersehen werden?
Hayek: Was wir heute erleben, ist das Ergebnis einer grundsätzlichen Konfusion, die von dem angeblich liberalen britischen Denker John Stuart Mill ausging. In seinen „Prinzipien der politischen Ökonomie" schrieb Mill einen Satz, der die Grundlage für alle sozialistischen Ideen bildet: „Ist das Sozialprodukt erst einmal da, kann man damit machen, was man will." Dabei wurde völlig übersehen, dass der Produktionsprozess nicht unabhängig ist vom Verteilungsprozess, das heißt, man kann mit dem Sozialprodukt eben nicht machen, was man will.
■ Wollen Sie damit sagen, eine ungleiche Verteilung des Sozialprodukts sei Voraussetzung dafür, dass es überhaupt erst entsteht?
Hayek: Genau das. Ungleichheit ist nicht bedauerlich, sondern höchst erfreulich. Sie ist einfach nötig. Leider Gottes ist das Sozialprodukt nur da, weil die Menschen nach ihrer Produktivität entlohnt und dorthin gelockt werden, wo sie am meisten leisten. Gerade die Unterschiede in der Entlohnung sind es, die den einzelnen dazu bringen, das zu tun, was das Sozialprodukt erst entstehen lässt. Durch Umverteilung lähmen wir diesen Signalapparat. Und nicht nur das: Wir unterbinden auch die ständige Anpassung an sich laufend verändernde Umstände, durch die allein die Wirksamkeit unseres Produktionsapparates erhalten werden kann. Umstände, von denen der einzelne nichts weiß, über die er nur durch den Marktmecha-nismus informiert werden kann.
■ Umverteilung, national wie international, ist Ausfluss der heute nahezu allgemein akzeptierten Idee sozialer Gerechtigkeit. Halten Sie davon denn gar nichts?
Hayek: Nein, nicht das geringste. Was heißt denn hier Gerechtigkeit? Wer ist denn da gerecht oder ungerecht? Die Natur? Oder Gott? Jedenfalls nicht Menschen, da die Verteilung, die aus dem Marktprozess hervorgeht, nicht das beabsichtigte Ergebnis menschlichen Handelns ist. Daher ist der Begriff der sozialen Gerechtigkeit in einer marktwirtschaftlichen Ordnung mit freier Berufswahl völlig sinnlos.
Soziale Gerechtigkeit kann es nur in Befehlswirtschaften geben, wo der Staat über die relativen Einkommen der einzelnen Bürger bestimmt.
■ Ist das nicht Wortklauberei?
Hayek: Ich mag als Resultat meiner langen Beschäftigung mit den zerstörerischen Folgen, die die Propagierung von sogenannter sozialer Gerechtigkeit für unser Moralgefühl mit sich gebracht
hat, übermäßig allergisch gegen den Begriff sein. Aber ich bin der festen Überzeugung, der größte Dienst, den ich meinen Mitmenschen erweisen kann, besteht darin, Schriftsteller, Journalisten und Redner dazu zu bringen, sich zu schämen, diesen Begriff jemals wieder zu verwenden. Diese unglückselige Idee sogenannter sozialer Gerechtigkeit behauptet, dass die Entlohnung des einzelnen nicht davon abhängen soll, was er tatsächlich zum Sozialprodukt beiträgt, sondern davon, was er verdient.
■ Ist das nicht fair?
Hayek: Das ist leider Unsinn. Ein faires Rennen ist nicht eins, in dem der gewinnt, der es verdient, sondern in dem nicht geschoben wird, in dem sich alle an die Spielregeln halten. Der Wert der menschlichen Leistung ist nun einmal sehr verschieden vom sub¬jektiven Verdienst des einzelnen. Auch wenn man mit dem größten Eifer sich bemüht, wenn es für die anderen Marktteilnehmer nichts wert ist, so hilft's nun mal nicht.
■ Die dreckigste Arbeit wird oft am schlechtesten bezahlt...
Hayek: Weil wir im Marktgeschehen ständig Einkommen beziehen, die wir moralisch nicht verdienen, müssen wir auch moralisch unverdiente hinnehmen. Diejenigen, die die Reichen attackieren, vergessen, dass die meisten von ihnen im Verlaufe des Reichwerdens Arbeitsplätze schufen und so mehr Leuten geholfen haben, als wenn sie ihr Geld den Armen gegeben hätten.
■ Was heißt dann für Sie Gerechtigkeit?
Hayek: Es gibt für mich nur eine Gerechtigkeit, das ist die Gleichheit vor dem Gesetz. Jede Abweichung davon, selbst mit besten Absichten, öffnet der Willkür Tür und Tor, zerstört die Freiheit und damit den höchsten Wert, weil Voraussetzung für alle anderen Werte. Wer soll denn bestimmen, wer was verdient? Und wer verhindert, daß über kurz oder lang nicht mehr die Gruppen begünstigt werden, die es, nach welchen Maßstäben auch immer, verdienen, sondern schlicht und einfach die, die den größten politischen Nutzen abzuwerfen versprechen?
■ Was halten Sie von Chancengleichheit?
Hayek: Wirkliche Chancengleichheit würde nicht nur verlangen, dass die Gleichheit vor dem Gesetz durchbro¬chen wird, da die Menschen von der Natur und ihrer Umgebung sehr unterschiedlich ausgestattet werden. Letztlich bedeutet sie die Zerstörung der Familie und den totalitären Staat. Soweit sich die Forderung nach Chancengleichheit auf die Forderung der Französischen Revolution - la carrière ouverte aux talents" - beschränkt, habe ich keine Probleme damit.
■ Was soll mit denen geschehen, die sich nicht selbst helfen können? Den Alten und Kranken, den Erwerbsunfähigen?
Hayek: Es gibt keinen Grund, warum der Staat in einer freien Gesellschaft wie der unseren, die es sich leisten kann, diese Menschen nicht vor Elend bewahrt, indem er ihnen ein mi-nimales Einkommen gewährt.
■ Was darf der Staat Ihrer Meinung nach noch?
Hayek: Der Staat hat die äußere und innere Sicherheit zu gewährleisten, vor allem den Schutz des Privateigentums, auf dem unser Gesellschaftssystem beruht. Er darf auch sogenannte soziale Dienste anbieten wie Renten - oder Gesundheitsversicherung. Er darf seine Bürger sogar dazu zwingen, sich zu versichern. Nur er darf kein Monopol auf diese Versicherung haben.
■ Warum?
Hayek: Weil der Staat niemanden daran hindern darf, es besser zu machen als er.

